Der Euro wird erheblich an Kaufkraft verlieren

Vor etwa fünf Jahren überraschte EZB-Präsident Draghi die Öffentlichkeit mit seinen berühmt gewor- denen Worten: „whatever it takes“. Am 26. Juli 2012 versprach er auf einer Investorenkonferenz in London, die EZB werde „alles Notwendige tun“ um den Euro zu erhalten. Er fügte noch hinzu: „Und glauben Sie mir, es wird genug sein“.

Damals herrschte große Nervosität an den Finanzmärkten. Es wurde über ein Ausscheiden einzelner Staaten aus der Währungsunion spekuliert. Die Kurse der Staatsanleihen aller Südländer verfielen und demzufolge kletterten die Zinssätze auf kritische Höhen. Von vielen Analysten wurde eine Ansteckungsgefahr unter den Krisenländern befürchtet. Der 750-Milliarden-Rettungsfonds ESM wäre mit dem Finanzkollaps Italiens überfordert gewesen. Die ganze Euro-Rettungskonstruktion stand 2012 auf der Kippe.

Dann kam Draghis Ankündigung. Sie wurde als Versprechen für notfalls unbegrenzte Käufe von Staatsanleihen durch die EZB interpretiert. Die EZB hatte somit indirekt eine Garantie für sämtliche Euro-Staatsschulden abgegeben. So verstanden es viele Marktakteure und sofort begannen die Risikoaufschläge der Staatsanleihen zu sinken. Deren Kurse stiegen und dementsprechend fielen die Renditen immer tiefer, sogar bis in den negativen Bereich. Staatsschulden zu garantieren gehört zwar nicht zu den Aufgaben der EZB, aber sie macht es trotzdem und wird von höchsten Gerichten nicht daran gehindert …

Kurze Zusammenfassung wichtiger EZB-Maßnahmen seit Draghis Staatsschulden-Garantie:
1. Leitzins und Einlagenzins
Der Leitzins wurde in den letzten Jahren auf ein Rekordtief von 0,00 Prozent abgesenkt und der Einlagenzins sogar bis auf minus 0,4 Prozent. Zum Leitzins leihen sich Banken von der EZB neu geschöpftes Zentralbankgeld. Bei einem negativen Einlagenzins müssen Banken sogar Zinsen auf ihr eigenes Konto-Guthaben bei der EZB zahlen.

2. Anleihen-Kaufprogramm:
Die Notenbank druckt derzeit monatlich 60 Milliarden Euro Zentralbankgeld und kauft damit von Banken und anderen Finanzinstituten Staatsanleihen und sonstige Schuldscheine. Seit Juni 2016 stehen sogar Unternehmensanleihen auf ihrem Kaufzettel. Bis März 2017 wird die EZB im Rahmen dieses QE-Programms mindestens 1.740 Milliarden Euro neu gedruckt haben. Dieser Wert kann von der EZB jederzeit nach Belieben und ohne Limit ausgeweitet werden.

Erhoffte Kreditvergabe
Nach offizieller Verlautbarung der EZB soll das neu geschaffene Geld in Form von Krediten bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen, um den Konsum und Investitionen anzuschieben. Viele Wirtschaftsexperten sind jedoch der Meinung, dass das neue Geld nicht bei Verbrauchern ankommen, sondern zum großen Teil in Aktien und Immobilien gesteckt wird. Das könnte zu Preisblasen führen.

Zwei weitere Ziele, über die die EZB jedoch nicht spricht
Die EZB kauft Banken faule Kredite ab, damit diese nicht wertberichtigt werden müssen. Dadurch können Banken vor Überschuldungssituationen bewahrt werden. Auf knapp eine Billion Euro beläuft sich derzeit das Volumen fauler Kredite bei europäischen Großbanken. Zudem rettet die EZB auch Euro-Staaten vor dem Bankrott, in dem sie durch ihre billionenschweren Anleihekäufe, die langfristigen Zinssätze in den negativen Bereich drückt.

Nationale Notenbanken werden Bad Banks
Die Euro-Staaten haben in den letzten Jahren viele Anleihen verkauft und sitzen derzeit insgesamt auf einem Schuldenberg von über 9.605 Milliarden Euro. Diese Schuldscheine sind teilweise im Besitz von Banken. Die EZB wird in den nächsten Jahren sicherlich weit mehr, als nur die oben erwähnten 1,74 Billionen Euro drucken müssen, um die Gefahr von größeren Zusammenbrüchen zu bannen. Wir erleben gerade, wie Institutionen, die normalerweise die Währungsstabilität absichern sollen, zu Bad Banks für uneinbringliche Staatsverbindlichkeiten umgebaut werden.

Die Notenbanken werden die größten Gläubiger der Staaten

Die EZB, die in Gestalt ihrer nationalen Notenbanken schon jetzt Großgläubiger der Euro-Staaten ist, könnte diese Staatsanleihen neutralisieren, indem sie die Laufzeit bis in alle Ewigkeit verlängert. Da die Zinszahlungen ohnehin als Notenbankgewinn in die Staatskassen zurückfließen, könnten die Staaten damit so tun, als seien sie entschuldet.
Tatsächlich haben die Euro-Notenbanken schon Staatsanleihen in einer Größenordnung angehäuft, die auf dem Markt ohne größere Turbulenzen ohnehin nicht mehr verkauft werden können. Neben der Deutschen Bundesbank beteiligen sich die Zentralbanken Italiens, Frankreichs, Spaniens, Belgiens und Finnlands an diesen Anleihekäufen, die von der EZB koordiniert werden.

Die Euro-Staaten könnten ihre Schulden bald los sein
Wenn die Notenbanken etwa zehn Jahre an ihrem Kurs festhalten und mit gedrucktem Geld Staatsanleihen kaufen, könnten die Euro-Staaten komplett entschuldet sein.
Beispiel Deutschland: Schuldscheine, die von der Bundesbank aufgekauft werden, könnten dauerhaft in ihrem Besitz bleiben und wären für den Staat faktisch nicht mehr existent. Nachdem die Notenbank die Staatsschulden gekauft hat, kann sie zum Beispiel die Zins- und Tilgungszahlungen erlassen bzw. bis auf weiteres aussetzen. Die Staatsschulden würden als „Erinnerungsposten“ auf der Aktivseite der Notenbank-Bilanz verbleiben. Die Euro-Staaten wären im Prinzip ihre Schulden los. Ein ähnlicher Schuldenerlass ließe sich im Prinzip auch für private Schulden durchführen.
Abzüglich der von der Bundesbank gehaltenen 225 Milliarden Euro an gekauften Schuldscheinen, betragen die offiziellen Staatsschulden Deutschlands 1927 Milliarden Euro (Stand 2016). Beim aktuellen Kauftempo von monatlich gut 18 Milliarden Euro, könnten die gesamten Verbindlichkeiten in 8,8 Jahren in der Bilanz der Bundesbank stehen!

Die Grafik zeigt, wie lange es dauert, falls das Anleihe-Kaufprogramm der EZB unverändert weitergeführt wird, bis die einzelnen Euro-Staaten „schuldenfrei“ sind.
Die Grafik zeigt, wie lange es dauert, falls das Anleihe-Kaufprogramm der EZB unverändert weitergeführt wird, bis die einzelnen Euro-Staaten „schuldenfrei“ sind.

Der Notenbankgewinn fließt an den Staat zurück
Zwar heißt das nicht automatisch, dass die Schulden getilgt und damit verschwunden wären. Sie stünden quasi nur noch in der Notenbank-Bilanz. Als Gläubigerin der Staatsschulden hätte die EZB die Möglichkeit, ihre Forderungen unendlich zu strecken und die an die Notenbank zu zahlenden Zinsen würden umgehend wieder als Notenbankgewinn an die Staaten zurückfließen.

Ein Ausstieg aus dieser Notenbank-Politik wird immer schwieriger
Die obige Berechnung ist natürlich eine grobe Vereinfachung. Es wird unterstellt, dass die Euro- Staaten keine weiteren Schulden aufnehmen und dass die EZB ihr Anleihe-Kaufprogramm weit über das Jahr 2017 laufen lässt. Nach heutigem Stand ist es nur bis Dezember 2017 befristet, aber es wäre nicht die erste Verlängerung, die dieses Gelddruck-Programm erfahren würde.
Je länger die EZB Schuldscheine kauft, desto stärker gewöhnen sich die Staaten und Finanzmärkte an die „Wohltaten“ und desto schwieriger wird ein Ausstieg. Und so dürfte auch im März Ende des Jahres mit dem Schuldenaufkauf noch lange nicht Schluss sein. Es ist damit zu rechnen, dass die Notenbanken die einmal gekauften Anleihen ewig halten müssen, allein schon deshalb, „um die Märkte nicht zu verschrecken“.
Sehr kritisch wird es, wenn in einigen Jahren die Umschuldung der Staaten von privaten Gläubigern auf die EZB weit genug fortgeschritten ist. Die EZB kann dann wohl kaum noch aussteigen. Wer würde ihr die vielen Anleihen schlechter Qualität abkaufen und zu welchem Kurs? Eine Explosion der langfristigen Zinssätze wäre die logische Folge und das würde „Crash!“ bedeuten. Also genau das, was die EZB mit dem Anleihe-Kaufprogramm verhindern will, würde dann eintreten. Somit wird ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als die Schuldscheine dauerhaft zu halten.

Südliche Euro-Staaten bekommen eine zweite historische Chance
Die südlichen Euro-Staaten bekommen scheinbar eine zweite historische Chance, von ihren hohen Schulden herunterzukommen. Die Einführung des Euro hatte ihnen schon einmal markant niedrigere Zinsen beschert. Doch ihre Regierungen haben diese günstigen Rahmenbedingungen nicht zum Schuldenabbau genutzt.
Langfristig betrachtet, ist der Aufkauf der Staatsschulden der Euro-Staaten die wahrscheinlichste aller möglichen Entwicklungen in der europäischen Staatsschuldenkrise.

Schuldenvolumen von Italien und Spanien (Stand 06/2016)
Schuldenvolumen von Italien und Spanien (Stand 06/2016)

In Italien und Spanien haben die Schulden neue Rekordhöhen erreicht. Die Euro-Staaten sind so hoch verschuldet, so dass sie ihre Schulden niemals mithilfe ihres Wirtschaftswachstums tilgen könnten. In vielen Staaten gibt es kaum Wachstum. Im Übrigen ist dieses ungedeckte Schuldgeld- System auch gar nicht darauf ausgelegt, dass Staatsschulden auf normalem Wege getilgt werden, weil dadurch die Geldmenge reduziert würde.

Der Euro wird zum Nachfolger der italienischen Lira
Gelddrucken führt immer zum Verlust der Kaufkraft einer Währung. Ein Beispiel war die italienische Lira. 1974 bekam man für 1 DM etwa 200 Lire und 20 Jahre später circa 1.200 Lire. In Italien wurden viele fiskalische Probleme mit der Notenpresse „gelöst“. Der Kaufkraftverfall der italienischen Lira war die Folge.

Der Euro wird zum Nachfolger der italienischen Lira
Der Euro wird zum Nachfolger der italienischen Lira

Alle Gelddruck-Experimente der Vergangenheit endeten mit einem massiven Kaufkraftverlust der Währung. So steht das Endergebnis des aktuellen Anleihen-Kaufprogramms bereits heute schon fest: Die EZB kann zwar das Überleben des europäischen Zahlungssystems durch das ständige Drucken von neuem Geld sichern. Sie kann die Staaten auch liquide halten, indem sie immer mehr Geld druckt und mit der gleichen Maßnahme kann sie Großbanken vor dem Zusammenbruch bewahren. Das alles hat jedoch einen Preis: In der Abwägung, ob man Kreditausfälle zulässt oder neues Geld druckt, um die Probleme aus der Welt zu schaffen, zeigt die Währungsgeschichte ein eindeutiges Bild: Es wird immer mehr Geld gedruckt, weil das Drucken von neuem Geld die Politik des kleinsten Übels ist beziehungsweise den Entscheidern als kleinstes Übel erscheint.

Fazit:
1. Die EZB ist in der Lage, die Kreditausfallsorgen, die dem Euro gefährlich werden können und die zu einem Auseinanderbrechen des Euroraums führen könnten, einfach durch Gelddrucken aus der Welt schaffen.

2. Sie kann Schuldscheine von Staaten, Banken und Unternehmen aufkaufen und die damit verbundenen Kreditausfallrisiken in die eigene Bilanz übernehmen und somit den Steuerzahler dafür haften lassen.

3. Dieses Vorgehen der EZB weitet die Überschussreserve im Bankensektor und damit die für Nach- fragezwecke relevante Geldmenge M1 stark aus. Ein deutlicher Kaufkraftverlust des Euro ist nur eine Zeitfrage.

4. Eine Politik des expansiven Gelddruckens, wie sie am Ende eines Geldsystem-Zyklusses meistens erfolgt, zerstört das restliche Vertrauen in die Währung. Ab einem gewissen Punkt tritt als Folge eine „Flucht aus dem Geld“ ein. Das bedeutet, Menschen tauschen permanent ihr Geld gegen Sachwerte.

5. Ein Zusammenbruchszenario für den Euro ist zwar nicht unmöglich, aber es ist nicht zwangsläufig. Die EZB kann es verhindern, wenn sie bestehende Schulden in großem Stil mit neu gedrucktem Geld abkauft. Die EZB kann so viel Geld drucken, wie sie will.

Konsequenzen für die Geld-Anlage
Vor diesem Hintergrund bietet es sich für Anleger an, beispielsweise Edelmetalle anstelle von Termin- und Spareinlagen zu halten. Das gilt umso mehr in Zeiten, in denen es keinen Zins mehr auf Bankguthaben gibt. Physische Edelmetalle unterliegen – anders als die mittlerweile unverzinslichen Termin- und Spareinlagen – keinem Ausfallrisiko.

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